Agile Leseliste – Empfehlungen für Einsteiger und Fortschreitende

Kollegen und Freunde wissen, dass ich schon das eine oder andere Buch über Agilität gelesen habe. Über Methoden, Hintergründe, best practices und so weiter. Fragen nach Buchempfehlungen zum Thema „Agil“ gab es schon immer. Aber seit ich selbständig bin, fragen mich noch mehr Leute als vorher nach meiner Agile Leseliste. Die Fragen waren immer ähnlich:

[8.3.2018] Wenn du jemandem, der sich komplett neu mit agile beschäftigen will 2-3 Buchempfehlungen geben müsstest, welche wären das?

[24.4.2018] Ich will bloß etwas für meine Bildung/Weiterbildung tun. Und womöglich sogar etwas zu aktuellen beruflichen Herausforderungen passendes.

Im Grunde fallen die Fragen alle in das Muster „Wenn Du etwas über Scrum lesen wollen würdest, womit würdest du anfangen?“

Jedes mal empfehle ich dieselben Bücher. Jedes mal suche ich Amazon- oder Goodreads-Links, damit die Fragenden es leichter haben, die Bücher zu finden. Das ist natürlich sehr effektiv, aber eben in der Wiederholung nicht sehr effizient.

Ganz unten findet ihr darum meine gleichnamige Goodreads-Liste, aber hier erstmal die Bücher eins nach dem anderen. Sortiert nach meiner Meinung ihrer Nützlichkeit für Menschen, die sich mit dem Thema Agilität ernsthaft beschäftigen wollen.

Roberts Top 10 Agile Buchempfehlungen (Bonus: Scrum und Führung)

#1 Agile Project Management with Scrum- Schwaber, Ken

Im ersten Scrum-Buch, das ich gelesen habe, schildert Ken Schwaber an kurzen Beispielen, wie Scrum-Praktiken wirken. So lernt man sehr natürlich und teilweise auch sehr unterhaltsam um die Vorteile dieses Frameworks. Die Beispiele sind aus heutiger Sicht natürlich massiv veraltet – Softwareprojekte sind heute in so vielen Bereichen grundsätzlich anders als noch vor 20 Jahren. Trotzdem lassen sich viele der Probleme auf ähnliche Ursachen zurückführen, was dieses Buch im Hinblick auf Lösungsvorschläge zeitlos macht.

#2 Scrum – agiles Projektmanagement erfolgreich einsetzen – Pichler, Roman

Nach der leichten Kost von Ken Schwaber, hier das meines Erachtens nach wie vor beste Werk zu Scrum. Ein bisschen in die Jahre gekommen (Veröffentlichung: 2008) ist dieses Buch nach wie vor das umsichtigste Scrum-Buch. Schlichtweg, weil es nicht nur Scrum-Praktiken erklärt, sondern auch warum sie effektiv sind. Weil es nicht nur Empfehlungen aneinanderreiht, sondern auch darlegt, wo die Vorzüge gegenüber anderen Umsetzungen liegen.

Dieses Buch ist zu Recht Referenz im deutschsprachigen Raum. Erst neun Jahre nach Veröffentlichung konnte ich eine Roman Pichler Präsentation auf dem Scrum Gathering Dublin 2017 sehen und war wiederum beeindruckt.

#3 Drive: The Surprising Truth About What Motivates Us – Pink, Daniel H.

Um ehrlich zu sein habe ich das Buch nie komplett gelesen. Ich verweise aber an dieser Stelle gerne auf das exzellente RSA Animate Video, in dem man eine 10-minütige Zusammenfassung bekommt. Meist reicht das schon, um die 3 Aspekte der Motivation (Selbstbestimmung, Perfektionierung und Sinnerfüllung) bei der Zusammenstellung eines Projektteams oder anderen Aufgaben im Projektmanagement zu berücksichtigen.

#4 Lean from the Trenches – Kniberg, Henrik

Henrik Kniberg schafft es immer wieder, Methoden nicht nur einfach zu erklären, sondern auch ihren Einsatz zu begründen. Die Begründung ist so fundamental wichtig, damit aus der bewussten Methode Routine werden kann. Erst wenn uns (und allen im Team) klar ist, warum wir einem best practice folgen, kann es sich durchsetzen.

Ebenfalls empfehlenswert: Scrum and XP from the Trenches.

#5 Scrum Mastery: From Good To Great Servant-Leadership – Watts, Geoff

Mit den Büchern #1 – #4 hat man einen sehr guten Einstieg ins Thema bekommen: Scrum, Lean, Kanban sind verständlich und man hat den Bogen zur menschlichen Motivation geschlagen. Damit können Anfanger loslegen und sollten im Umfeld eines Projekts sehr gut arbeiten können.

Wer den „Karrierepfad“ eines ScrumMasters beschreiten möchte, besser werden möchte als die Konkurrenz, Teams wirklich voranbringen und wachsen lassen möchte, der sollte Scrum Mastery lesen. An guten Beispielen wird hier gezeigt, was den guten vom großartigen ScrumMaster unterscheidet. Auch für mich eine Erfahrung, die mich hat demütiger werden lassen.

#6 Rework – Fried, Jason

Rework ist seit Erscheinen ein Management-Klassiker geworden. Wer agile Werte verinnerlicht hat, wird hier viel nicken. Für alle anderen sind hier kurz und prägnant Management- und Arbeitsweisen aufgeführt, die Teams und Organisationen helfen sollten, zu entschlacken, sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren und Dinge fertig zu kriegen.

#7 Agile Retrospectives: Making Good Teams Great – Derby, Esther & Larsen, Diana

Wie wird aus einem guten Team ein großartiges Team? Mit Zeit und indem man sich kontinuierlich verbessert. Dieses Buch begründet den Einsatz von Retrospektiven und unterstützt den Verbesserungsprozess durch Moderationsmethoden und viele wertvolle Tipps zur Konfliktbewältigung.

#8 The Peter Principle – Peter, Laurence J.

Take it, change it or leave it!
— 21st Century Business Wisdom

Wenn es Probleme gibt, gehen Menschen unterschiedlich damit um. Man kann sie hinnehmen, sie (versuchen zu) ändern oder sie (und damit meist seine Firma) verlassen.

Was kann ein Manager? Mit welcher Fertigkeit wurde die Management-Position erreicht? Welche Qualitäten fehlen, um weiterhin „fähig“ zu sein? Manchmal hängt der Veränderungsprozess an einzelnen Individuen. Um deren (mangelnde) Motivation zu verstehen, hilft das Peter Prinzip.

#9 Servant Leadership: A Journey Into the Nature of Legitimate Power and Greatness – Greenleaf, Robert K.

„Dienende Leiterschaft“ ist die unheimlich krude deutsche Übersetzung für das Prinzip von Führen durch Unterstützung. Ich mache es leichter, meinen Empfehlungen zu folgen, in dem ich Dir einen Dienst erweise. Das englische „Servant Leadership“ klingt angebrachter. Servant Leadership ist, was ein ScrumMaster täglich zeigt (oder zeigen sollte). Dieses Buch ergründet das Prinzip (und das schon seit über 30 Jahren):

#10 The Big Five for Life – Strelecky, John P.

Wie stellst Du dir eigentlich deine Karriere vor?

fragte mich mein Manager vor einigen Jahren. Ich hatte keine Antwort. Arbeit ist ein großer Teil des Lebens. Um zu wissen, wo es beruflich hingehen soll, muss man erstmal wissen, wo es im Leben hingehen soll. Leider ist diese Frage noch viel größer. The Big Five for Life hilft bei der Suche nach der Antwort.

Noch mehr Empfehlungen zum Thema Agilität im Unternehmen

Manager, Programmierer, Produktleute, ScrumMaster: Die Top 10 Bücher oben sind relevant für jeden, den Agilität interessiert, unabhängig davon, welche Rolle man im Job einnimmt. Trotzdem gibt es natürlich noch ein paar spezifischere Bücher für jede der Rollen, die ich hier nicht unerwähnt lassen möchte:

Für Softwareenwickler

Clean Code: A Handbook of Agile Software Craftsmanship – Robert C. Martin

Darüber hinaus habe ich keine weitere Buchempfehlung für Softwareentwickler. Robert C. Martins „Bibel“ reicht für den Anfang. Natürlich sind die obigen Empfehlungen auch für Entwickler relevant! Wer aber mehr erfahren möchte, warum „Agilität“ in erster Linie in der Verantwortung von Softwareentwicklern liegt, dem sei dieser Beitrag ans Herz gelegt:

Für Product Owner und Produktmanager

 

 

 

  1. Agile Product Management with Scrum: Creating Products that Customers Love – Roman Pichler
  2. User Stories Applied – Mike Cohn
  3. Scrum mit User Stories – Ralf Wirdemann

Für (C-Level-) Manager

 

 

 

  1. Scrum: The Art of Doing Twice the Work in Half the Time – Jeff Sutherland
  2. The Power of Scrum – Jeffrey Sutherland, Rini Van Solingen, Eelco Rustenberg
  3. A Seat at the Table – Mark Schwartz

Zu guter Letzt: Die Goodreads Liste

Habt ihr noch weitere Agile Buchempfehlungen? Immer her damit! Ich freue mich über Anregungen für die Leseliste auf Goodreads oder gerne hier in den Kommentaren.

SGDUB17 Abschlussrede: Lyssa Adkins – Wir sind die Anführer auf die wir gewartet haben

Abschlussrede: Lyssa Adkins – Wir sind die Anführer auf die wir gewartet haben

Lyssa Adkins ist sicherlich eine dieser Anführerinnen! Ich bekomme nach wie vor (im positiven Sinne) Gänsehaut beim Gedanken an ihre Abschlussrede.

Schon der Aufbau der Rede war mustergültig: Sehr persönlicher Einstieg, der sofort fesselt. Es ging um eine Reise nach Peru und die offensichtlichen disaströsen Umweltveränderungen, die wir Menschen verursachen.

Sie bemerkte, wie unfähig wir als Spezies sind, globale Herausforderungen anzugehen. So spannte sie den Bogen zu Menschen, die in Unternehmen zusammenarbeiten.

So kamen wir unweigerlich zu der Frage:

Wenn „Individuen und Interaktionen“ so wichtig sind, warum schmeißen dann so oft „Prozesse und Tools“ den Laden?

Lyssa Adkins - We are the Leaders we have been waiting for sgdub17Illustrationen von Steve Silbert

Wir lernten die Grundlagen der Integralen Theorie, fokussierten uns dann auf den Wir Quadrant und sind anschließend tiefer ins Thema Beziehungen eingestiegen. Warum kommt es eigentlich zu Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen? So kamen wir auf „Die dritte Entität“:

Der nächste Schritt brachte uns auf Spiral Dynamics. Dieser psychologische Ansatz bedeutet “verstehen von Weltanschauungen und Denkweisen von Individuen, Organisationen und Gesellschaften” und ich denke es ist ein inspirierender und optimistischer Blick in die Zukunft der Menschheit:

Mehr dazu hier: http://www.cruxcatalyst.com/2013/09/26/spiral-dynamics-a-way-of-understanding-human-nature/

Aber was hat das alles mit uns zu tun? Mit Dir und mir? Was hat das zu bedeuten? Es bedeutet alles!

Lyssa Adkins - We are the Leaders we have been waiting for sgdub17Jeder hat das Potenzial (!), die Welt zum Besseren zu verändern. Macht mag unterschiedlich sein. Fähigkeiten mögen unterschiedlich sein, aber beides sind nur Bezugsrahmen. Letztendlich läuft es auf eine Frage hinaus:

Willst Du die Welt zu einem besseren Ort machen?

Lyssa Adkins hat daraufhin elegant den Rahmen verengt von dieser globalen Perspektive hin zur Gruppe der paar hundert anwesenden Agile Coaches, ScrumMasters, Softwareentwickler indem sie fragte:

In welchem Bereich, der Eurer würdig ist, möchtet ihr agile Methoden anwenden?

Wir haben dann https://pollev.com/ genutzt, um per Live-Umfrage eine word cloud zu erstellen mit den Bereichen, in denen sich die Zuhörer gern engagieren würden. Das Ergebnis sah ungefähr so aus:

Lyssa Adkins Agile Leaders Keynote Wordcloud sgdub17Schon vor dieser Session war ich entschlossen, Agile in Nicht-Softwareentwicklungsumgebungen anzuwenden. Ich bin in Kontakt mit einem gut vernetzten Kollegen, der bereits mit Schulen und Universitäten in Deutschland zum Thema EduScrum spricht. Lyssa Adkins’ Abschlussrede hat einmal mehr unterstrichen, wie wichtig es ist, die Welt um uns herum zu verbessern und nicht nur den Ort, den wir „Arbeit“ nennen.

Global Scrum Gathering Dublin 2017

Global Scrum Gathering Dublin 2017 Fazit

Wer mich kennt wird mich nicht als sehr risikoaffinen Typen beschreiben. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass ich mein erstes Global Scrum Gathering auf vertrautem Grund besucht habe: In Dublin! Ich habe in Irland gelebt, hier mit Fotografie angefangen und riesenviel Spaß mit den Leuten von Each&Other gehabt. Eine weitere Reise auf die Grüne Insel war sehr vielversprechend und brachte mir tolle Ideen und viel Inspiration. Wenn Ihr nicht viel Zeit habt: Lest wenigstens den Teil zur bei weitem beeindruckendsten Abschlussrede von Lyssa Adkins.

Vorweg ein paar Fakten über die Konferenz, die ich natürlich schamlos aus dem Abschluss-Newsletter der Scrum Alliance kopiert habe:

  • 649 Scrum und Agile Fachleute nahmen teil
  • 40 Länder waren vertreten
  • Mehr als 100 Teilnehmer nahmen an der ersten Trainers Clinic teil
  • Mehr als 250 Teilnehmer nahmen an der ersten Coaches Clinic teil
  • Scrum Alliance konnte 13 neue Certified Scrum Trainers willkommen heißen
  • Scrum Alliance hat 2 neue Certified Enterprise Coaches bestätigt

Hier zu den Details der einzelnen Sessions oder um genau zu sein, zu denen, bei denen ich mitgeschrieben habe oder die mich besonders beeindruckt haben. Außer für die Eröffnungs- und Abschlussrede folge ich hier keiner zeitlichen Reihenfolge, sondern habe die Abschnitte so angeordnet, wie ich denke, dass sie in den Projektlebenszyklus passen.

Eröffnungsrede: Tobias Mayer – Individuen interagieren

Wer auf einer Konferenz über Coaching langweilige Reden erwartet, sollte sich darauf vorbereiten, überrascht zu werden! Tobias Mayer hat die Messlatte hoch gehängt mit einer inspirierenden und vor allem interaktiven Session über Werte. Ich würde sagen, das Minimalprodukt einer Eröffnungsrede (das Ergebnis) sollten engagierte und begeisterte Teilnehmer sein, die sich auf die beginnende Konferenz freuen. Tobias Mayer hat so viel mehr geschafft. In seiner Session haben wir:

  • für jeden einzelnen Teilnehmer Werte definiert, die die Konferenz prägen sollten
  • (mindestens) einen menschlichen Kontakt hergestellt, der über die nächsten Tage zu einem guten Bekannten werden sollte
  • eine Absichtserklärung für die Zusammenkunft formuliert

Meine beinhaltete Bestimmung, Leidenschaft und Glaubwürdigkeit. Bestimmung hat dafür gesorgt, dass ich – egal wie müde – zu Sessions gegangen bin (und manch simple Einleitung ertragen musste), Leidenschaft hat zu aktiver Beteiligung geführt wo immer das möglich war und Glaubwürdigkeit sorgte dafür, dass ich selbst in dieser hochprofessionellen Umgebung stets ich selbst geblieben bin.

Nicht nur der Inhalt war großartig – die Methode war es ebenso! Ich werde darauf mal im Detail eingehen, sobald ich das ausprobiert habe. Versprochen!

Projektbeginn oder Produktentstehung

Entgegen der weit verbreiteten Annahme heißt agiles Arbeiten nicht, dass wir nicht planen. Wir planen. Wir bereiten vor. Ohne grobes Backlog würde ich nie ein Projekt anfangen. Ohne dieses Backlog mit Interessenvertretern, Führungskräften und natürlich dem Team zu verfeinern, würde ich nie mit der Entwicklung beginnen. In dieser „Phase“ gibt es also jede Menge Interaktion und mit Sicherheit sollte sie hier am intensivsten sein.

Entzaubern der Product Owner Rolle – Roman Pichler

Eine Agile Organisation schaffen

Schon lange wollte ich mal Roman Pichler sehen, da er einer der ersten war, der – durch seine Bücher – meine Begeisterung für Agile geweckt hat. Während ich meine Diplomarbeit geschrieben hatte, habe ich sein Buch „Scrum – Agiles Projektmanagement erfolgreich einsetzen“ regelrecht verschlungen. Leider ist es nur auf Deutsch erhältlich, aber selbst nach Dutzenden anderen Büchern über das Thema, bleibt dieses mein persönlicher Favorit, dank seines Detailreichtums und der anspruchsvollen und doch verständlichen Erklärungen.

Roman Pichler - Debunking the Product Owner Role sgdub17Während dieses Scrum Gathering hielt Roman Pichler eine Session über die Product Owner Rolle. Er forderte „große Product Owners“, die ein Produkt prägen können, von der ersten Vision bis zum kleinen Button, anstatt „kleiner Product Owners“, die im Grunde nur Sachen ins Produkt Backlog packen, die ihnen gesagt werden. Das ist, wie die Rolle gelebt, gefüllt, ja erfüllt werden sollte.

Unterm Strich hat er alle Teilnehmer aufgefordert, groß zu denken. Er tat das nicht, ohne auch Unterstützung anzubieten in Form einfacher Werkzeuge: Das Produktvisions-Board. Roman hat die einzelnen, leicht verständlichen Abschnitte erklärt und hervorgehoben, wie wichtig es ist, diese in gemeinsamer Arbeit von Product Owner und Interessenvertretern zu erarbeiten. Dabei ist der PO stets federführend.

Produkt Roadmapping das funktioniert! – Jason Tanner

Effektiv mit Kunden zusammenarbeiten

Jason hat eine gute Präsentation über Produkt Roadmapping gegeben (hier die zwei besten Links, die ich finden konnte). Die Teilnehmer, mich eingeschlossen, hatten gemischte Gefühle. Das Folgende ist der Konsens aus Diskussionen mit einigen Teilnehmern nach der Session:

Eine solche Roadmap zu haben schadet nicht. Solange sie gemeinschaftlich von allen Stakeholdern und Team-Vertretern erarbeitet wird, kann diese Übung wichtig und nützlich sein. Nichtsdestotrotz bleibt so eine Roadmap ein Artefakt, das sich nur dann mit dem Unternehmen evolutionär entwickelt, wenn Leute es benutzen und damit arbeiten. Ansonsten wird es immer entkoppelt sein von der täglichen Arbeitsrealität der Mitarbeiter.

Wenn es uns gelingt, die Denkweise eines Unternehmens so zu verändern, dass agile Verhaltensweisen und Werte über alle Hierarchieebenen gelebt werden, dann werden wir eine solche Roadmap nicht brauchen. Stattdessen hätten wir ein Firmen-Backlog, das unsere Pläne abbildet. Beschlüsse „von oben“ werden sich in der täglichen Arbeitsweise von Teams wieder finden, während Aktualisierung und Veränderung „von unten“ sich im Firmen-Backlog widerspiegeln.

Trotz aller Kritik werde ich diese Übung demnächst ausprobieren, denn sie kann ein guter Schritt sein auf dem Weg von wenig bis keiner Organisation zu angemessener übergeordneter Organisation.

Das Projekt/Produkt entwickeln aka Arbeiten mit dem Team

Finde Dein Traum Team durch Selbstselektion – Dana Pylayeva

Die Essenz von Agilität

In der teils Präsentation teils interaktiven Session hat Dana Pylayeva sowohl über die Voraussetzungen von Team-Selbstselektion gesprochen, als auch einen solchen Prozess mit uns, den Teilnehmern, simuliert.

Häufige Argumente gegen Selbstselektion:

  • Es wird nicht möglich sein, alle Teams mit den benötigten Fähigkeiten auszustatten
  • Leuten werden sich niemals selbst organisieren können
  • Das wird doch zu endlosen Diskussionen führen
  • Es gibt Leute, die können nicht miteinander (arbeiten) und sollten daher nicht in einem Team sein

Mit den folgenden Schritten können diese Vorurteile überwunden werden:

  1. Bereite Dich selbst vor
    • Lerne die Methode, vernetze Dich im Unternehmen, verkaufe den Ansatz
  2. Bereite das Management vor
    • Geh auf ihre Probleme ein, mach einen Probelauf
  3. Bereite den Prozess vor
    • Arbeite mit den Team-Vertretern um den Prozess zu fein-justieren
    • Definier die Teilnehmerliste
  4. Bereite die Teilnehmer vor
    • Erstelle die individuellen Teilnehmerkarten
    • Veranstalte Frage+Antwort Session, triff Teilnehmer einzeln, gehe auf Sorgen und Ängste ein
  5. Bereite den Raum vor
    • Groß genug für separate Bereiche
    • Bereite Poster und Material vor
    • Essen und Getränke (offensichtlich!)

Das Highlight: Wir haben das während dieser Session ausprobiert. Ja, es ist möglich, in einer Gruppe von 40 Leuten jedem seinen Wunsch zu erfüllen. Gleichzeitig konnten alle Teams (in unserem Fall Büros rund um den Globus: Zürich, Dublin, Kyoto, New York, Kapstadt) mit allen erforderlichen Fähigkeiten besetzt werden, um die Projekte zu bearbeiten. Bei 40 Leuten mussten wir nur drei mal vermitteln, so dass Teilnehmer freiwillig ihren Zweitwunsch gewählt haben!

Konflikt? Probier’s mal mit Perspektivwechsel – J. and T. De Jastrzebiec Wykowski

Effektiv mit Kunden zusammenarbeiten

In dieser sicherlich unterschätzten Session (ich war überrascht, dass nur ca. 40 Leute da waren) haben uns Justina and Tomasz De Jastrzebiec Wykowski nicht nur erzählt, sondern demonstriert, wie wirksam es sein kann, sich in jemanden hineinzuversetzen.

Der Ansatz klang sehr einfach und offensichtlich, wenn wir von Konfliktlösung sprechen. Es erfordert allerdings ein wenig Organisation, idealerweise von einer dritten, neutralen Partei und ist schwieriger aber auch machtvoller als ich erwartet hätte.

Justina and Tomasz haben jede Gruppe in drei Rollen aufgeteilt: Entwicklerteam, Product Owner und Kunden. Jede Teilgruppe bekam ein Szenario, aus dem wir Teilnehmer schnell die Hauptziele unserer Teilgruppe ableiten konnten. Wir haben dann (mit realistischer Leidenschaft) unser Problem dargestellt. Dann haben wir durch die anderen Rollen rotiert und uns in sie hineinversetzt, bis uns klar wurde:

  • Sich in jemand anderes hineinzuversetzen ist schwerer als gedacht
  • Zu überlegen, was wir von den anderen Projektrollen erwarten (darunter unser eigentliches Selbst) hat zu tiefgreifendem Verständnis geführt, was die Frustration unserer Gegenüber anging und
  • hat viele Ideen zutage gebracht, wie wir besser zusammen arbeiten können

Das kann für jede Gruppe simuliert werden in der es Konflikte gibt uns sogar für Gruppen mit noch mehr Konfliktparteien. In dem Fall braucht es natürlich mehr Zeit. Alles in Allem: Eine sehr gute Methode für (Agile) Coaches.

Fragiles Agiles: Ein erschöpftes Team coachen – Anna Obukhova

Die Essenz von Agilität

Auf der Liste der Sessions fand ich diese besonders interessant. Denn wann holen sich Unternehmen Hilfe? Von ScrumMastern, Agile Coaches, nennt es wie ihr wollt? Genau: Die meisten holen sich erst dann Hilfe, wenn Manager erfahren haben, dass etwas falsch läuft.

Leider haben dann schon viele Teams „das was falsch läuft“ schon eine lange Zeit ertragen müssen. Manchmal haben Teammitglieder schon versucht, etwas an der Situation zu verändern. Mal mit mehr mal mit weniger Erfolg. Das bedeutet, dass „Ein erschöpftes Team coachen“ eher die Regel denn die Ausnahme ist. Darum habe ich an Anna Obukhova’s Session teilgenommen um auch in diesem Bereich ein bisschen was zu lernen.

Überraschenderweise war die Präsentation zu ~70% auf Symptome fokussiert, angereichert mit ein bisschen Interaktion mit dem Publikum und Selbsteinschätzungen. Am Ende habe ich nicht viel brauchbare Hilfe erfahren und daher die Session mit ★★★☆☆ (3/5 Sternen) bewertet. Obwohl die Session so drastisch von meinen Erwartungen abgewichen war, habe ich doch ein paar Verweise auf weiterführende Literatur bekommen und meine Wahrnehmung für erschöpfte Teams geschärft. Hier mal die Mitschrift für mehr Details:

Anna Obukhova - Coaching Tired Teams sgdub17Links zu den Ressourcen, die in der Rede erwähnt wurden:

  • APGAR – ein schneller Selbsttest um Symptome zu identifizieren
  • The Upward Spiral – ein inspirierendes Buch darüber, wie man der Abwärtsspirale entkommt
  • Welltory App – eine App um Stresslevel zu messen

Von einmaligem Erfolg zu nachhaltigem Erfolg

Einige Sessions widmeten sich nicht agilen Praktiken sondern eher organisatorischen Veränderungen. Zwei davon habe ich besucht:

Überraschung! Führungskräfte coachen ist ANDERS als Teams coachen – Bob Galen

Eine Agile Organisation schaffen

Robert “Bob” Galen hat uns in dieser inspirierenden Session ein paar Prinzipien des Führungskräfte-Coachings nähergebracht. Es war nicht unbedingt der Teil mit dem innovativsten Inhalt, aber es hat unheimlich viel Spaß gemacht, Bob zuzuschauen und zuzuhören. Zum Abschluss gab es eine sehr praktische Management-coaching Übung in Gruppen von drei Leuten, die nicht nur erkenntnisreich war, sondern auch zu vielen Diskussionen in der Pause geführt hat.

Robert Galen - Coaching Leaders sgdub17

Der Schlüssel zu nachhaltiger Agilität im Unternehmen – Kurt Nielsen

Eine Agile Organisation schaffen

Kurt Nielsen from AgileLeanHouse hielt eine Präsentation über anhaltende (und nachhaltige) Agilität im Unternehmen. Nicht überraschend, dass der Schlüssel dazu in agilen / lean Denkweisen liegt. Darüber hinaus spielt die Akzeptanz der zugrunde liegenden Werte durch die Führungsriege des Unternehmens eine fundamentale Rolle.

Kurt Nielsen - Agile Lean Leadership sgdub17Eine Übersicht, der Themen der Präsentation und seiner Trainings, findet ihr hier.


Unterm Strich: Selten war ich in so kurzer Zeit so inspiriert. Am Global Scrum Gathering Dublin teilzunehmen war großartig: Viel Spaß, viel gelernt und viele interessante Menschen kennen gelernt. Definitiv war es den monetären (ROI) und zeitlichen (ROTI) Aufwand wert!

Fragen? Anmerkungen, Kommentare? Direkt hier drunter ist Platz dafür! Wir sehen uns spätestens London 2018!